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Redebeitrag
der antifaschistischen und antirassistischen Initiative kick it!

Parallel zu den direkten Aktionen von AntifaschistInnen gegen den Nazi-Aufmarsch gab es in der Vegesacker Innenstadt ein "Rock gegen Rechts"-Konzert. Diese Veranstaltung wurde vom Bündnis "Bremen-Nord gegen Rechts" organisiert, welches sich bedauerlicherweise nicht in direkte Aktivitäten gegen die NPD einbinden ließ. Leider bot das unkritische Bündnis auch Innenstaatsrat Kuno Böse eine Plattform, um seine populistische "Rechts=Links"-Gleichung zu verbreiten.
Direkt nach seinem Autritt hielt die Initiative kick it! die folgende Rede:

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!
Ich möchte hier im Namen von der Initiative kick it! einen kurzen Beitrag halten. kick it! ist ein Zusammenschluß verschiedener unabhängiger antifaschistischer und antirassistischer Initiativen. Wir beteiligen uns an Kampagnen gegen Abschiebung von Flüchtlingen und MigrantInnen: aktuell das großangelegte rassistische Rausschmeißszenario gegen die kurdischen LibanesInnen in Bremen. Auch Info-Veranstaltungen zur Nazi-Szene gehören zu unseren Aktivitäten, sowie Mobilisierungen gegen Nazi-Aufmärsche, wie den heutigen.
Wir möchten hier die Gelegenheit ergreifen, ein paar Einschätzungen und kritische Anmerkungen zur aktuellen Lage in Bezug auf Neofaschismus und Rassismus zu machen.

Nazis organisieren sich, Nazis mobilisieren und agieren, Nazis suchen Einfluss auf vielerlei Wegen. Auch in Bremen - auch heute. Allzu gerne klammern sich allzu viele Menschen in dieser Stadt immer noch am Mythos der traditions-antifaschistischen Hansestadt fest. Und kneifen dabei Augen, Ohren, Herz und Verstand ganz feste zu: Bloß nicht wahrnehmen, was unübersehbar ist.
Bremen ist keine Ausnahme im bundesweiten Gefüge. Auch in Bremen gibt es Neofaschisten. Auch in Bremen ist Rassismus in staatlichen Institutionen und in der Bevölkerung Alltag.
Auch hier ist eine offene Auseinandersetzung damit angesagt und eine offensive Bekämpfung aller faschistischen und rassistischen Strukturen nötig! Und dies über den heutigen Tag hinaus.

Denn:
Bremen Nord und der Landkreis Osterholz, darin vor allem Schwanewede, gehören mit dem Gebiet südlich von Bremen zu den stärksten Einflussgebieten der Neonazis in der Region. Sie bauen an der Verfestigung ihrer Organisationen und Kameradschaften, als einen Knoten im bundesweiten Nazigeflecht. Sie reißen antifaschistische Plakate konsequent runter oder sprühen sie über, sie gehen regelmäßig selber plakatieren und sprühen, hier treten sie auf, um antifaschistische Veranstaltungen verbal und durch Anwesenheit zu sprengen. Wie zum Beispiel im Herbst letzten Jahres im Bürgerhaus Vegesack. Es werden Aufmärsche organisiert, wie auch Nazi-Rockkonzerte. Die Nazis hängen in der Öffentlichkeit rum und vertreiben alle Leute, die ihnen nicht passen.
Hier wird auch mal an einer Bombe gebastelt, um ein Flüchtlingsheim in die Luft zu sprengen. Ein Problem für Bürger und Polizei? Nein. Ein kurzes Presseecho und schnell als Einzeltäterphänomen klein gekocht und der Täter im Schnellverfahren an einem Tag verurteilt, um das Thema vom Tisch zu haben. Ist ja auch bequemer, dann muss man sich nicht weiter beschäftigen - weder mit der Frage: warum? woher? noch mit der Frage: was kann ich tun?
Gleichgültigkeit und Ignoranz sind Haltungen in diesem Land, die in der Nazi-Zeit den Mord an Millionen Menschen begleitet und überhaupt erst zugelassen haben. Auch das darf man niemals vergessen!
Um so schöner zu sehen, dass sich heute, wie auch im März hier in Bremen-Nord Leute aus der Starre lösen, aktiv werden und auf die Straße gehen.

Vielzu lange schon nämlich werden die Nazis hier nicht wirklich ernst genommen. Viel zu lange schon hat man den Eindruck, die Nazicliquen werden nicht mal als solche wahrgenommen. Oder es stört sich eben niemand sonderlich daran, wenn sie ihre Hetzparolen schmieren, Leute bedrängen und sich ins Stadtbild mehr und mehr hineindrängen.
Ganz in diesem Sinne werden Nazis immer noch als "rechte Jugendliche" verharmlost und ihre faschistische Ideologie damit in die Normalität gehievt. Treiben es die Nazis dann doch mal zu weit, sogar für staatliche Behörden und Gemeinden, wird wie jüngst in Schwanewede nach der Akzeptierenden Jugendarbeit als Lösung gerufen. Nach dem Motto: Es sind doch eigentlich nur "desorientierte Jugendliche", die ein bißchen Betreuung und Pflege brauchen, um sie wieder auf den nicht zu sehr rechten Weg zu bringen.
Übersehen wird dabei, die seit Jahren bundesweit gemachte Erfahrung, dass Nazikader aus solchen betreuten Projekten hervorgehen, und dass solche Projekte von organisierten Nazis gerne zur Anwerbung und Ausbau ihrer Infrastruktur genutzt werden. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, hier ganz klar zu fordern, diese Art der Förderung von neonazistischen Strukturen zu unterlassen. Stattdessen muss den Nazis der Boden durch alternative soziale und kulturelle Angebote entzogen werden, bei denen sie nichts zu suchen haben.
Die politische Haltung und die Ziele der Nazis müssen politisch endlich ernst genommen werden! Nicht sie sind zu pflegen, sondern antifaschistische Initiativen und andere Jugendkulturen zu fördern.
Es muss den Nazis deutlich gemacht werden: Ihr seid mit eurer Haltung und euren Taten unerwünscht und werdet kein Land mehr hier sehen!

Nur mit allen Kräften und mit allen möglichen Ausdrucksweisen können wir dafür sorgen, dass sich der braune Mob nicht weiter entfalten kann. Eine nur symbolische antifaschistische Politik wird sie nicht aufhalten können. Auch Taten müssen folgen, ob heute auf der Straße oder morgen in der Schule, im Betrieb, in der Nachbarschaft. Zivilcourage ist mehr als zu sagen: Ich bin gegen Nazis. Zivilcourage heißt, ihnen keinen Raum zu überlassen, kein Forum zu geben und ihrer Hetze entgegenzutreten. Zivilcourage heißt schließlich auch, die gesellschaftlichen Zusammenhänge des Problems anzuschauen, aufzudecken, zu benennen und in antifaschistische Taten mit einzubeziehen.
Dieses Land ist auf den Schultern des Faschismus aufgebaut worden. Das dürfen wir nicht vergessen! Die Folgen sind vielfältig und ranken bis heute.

Ein kurzes Beispiel zur Anschauung:
Damals wie heute wird zum Beispiel über "Ausländer" primär in Kategorien von Arbeit, Verwertung und Nützlichkeit verhandelt: In dieser Linie steht die jahrelange Ausbeutung von Millionen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg ebenso wie der Import von Millionen von "Gastarbeitern" als Wirtschaftswunderaufbauhandlanger nur 15 Jahre später. Die gegenwärtige Einwanderungsdebatte folgt der gleichen Logik: "Mehr Ausländer, die uns nützen, weniger, die uns ausnützen" lautet die griffige Parole, die eiskalt-funktional über die Verwertbarkeit und "Nützlichkeit" von Menschen diskutiert als hätte dies Land keine Geschichte, als wären wir niemandem etwas schuldig, auch heute noch.
Wir fordern alle Menschen auf, nach hinten und nach vorne, aber auch um sich zu schauen. Wir fordern euch auf, nicht an den Lauf der Dinge zu glauben, wie er einem hier viel zu oft präsentiert wird.
Dieses Land ist auf Schultern des Faschismus aufgebaut worden und da hilft keine Rede und keine blumigen Worte.
An dieser Stelle drängt sich die Frage förmlich auf: Warum hat denn diese ach so antifaschistische Stadt als einziges Bundesland keine relevante Gedenkstätte, die die Nazi-Vergangenheit und den Umgang damit dokumentiert, einen Ort, der Raum gibt für Gedenken und Erinnern?

Der Weserkurier hat letzte Woche über diese Kundgebung heute berichtet und im gleichen Atemzug gemeldet: "Ob es zu Aktionen von Antifaschisten kommen wird, ist noch unklar." Ist dies hier keine Aktion von Antifaschisten? Wir denken doch. Trotzdem ist diese Meldung aufschlussreich: Sie macht einen Unterschied zwischen symbolischen antifaschistischen Aktionen und praktischen antifaschistischen Aktionen und verweist gleichzeitig darauf, das nur eins von beiden nicht reicht.

Wir fordern euch hier und heute auf, das Denken nicht an andere abzugeben, und auch nicht das Handeln. Werdet aktiv. Greift ein. Es gibt genug zu tun.
Gerade heute wollen wir alle auffordern, sich den Nazis in den Weg zu stellen, ihnen die Straße nicht zu überlassen, sie nicht zu ignorieren, ihnen deutlich zu machen, dass wir sie nicht wollen.

Keinen Raum - keine Straße - keinen Stadt den Nazis!

Mit den Worten einer berühmten Dichterin will ich diesen Beitrag beenden:
"Auf und los! Die Erinnerung wird sterben, wenn wir nichts tun. Die Gleichgültigkeit frisst das Leben, wenn wir nichts tun und die Erde ist eine Scheibe, wenn wir nichts tun. Haltet es mit Goethe, glaubt nicht den Mächtigen und seid autonom! Auf und los!"



 
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Diese Seite wurde zuletzt geändert am: 16.09.2003
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