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Was sind "Freie Nationalisten"? Langer Text, wichtiges Thema. Wer die Eigen- und Fremdberichterstattung über neofaschistische Aktivitäten in den vergangenen Monaten aufmerksam verfolgt hat, stieß in den Berichten immer wieder auf "Freie Nationalisten" oder "Freie Kameradschaften". Entwickelt sich hier ein neuer organisatorischer Ansatz im militanten neofaschistischen Spektrum? Mit den Verboten der parteimäßig ausgerichteten Neonaziorganisationen, wie FAP, "Nationale Front" und anderen, begann bei den militanten Kadern ein Nachdenkensprozess, welche Form von Organisationsstrukturen geschaffen werden können, die "sich als eine Sammlung aller konstruktiven (?!?) Kräfte versteht", wie es ein nicht genannter "reichsweit bekannter" Naziführer, wahrscheinlich Thomas Wulff (Hamburg), betonte. Auch wenn behauptet wird, dass man der Verbotspolitik des Staates gelassen entgegen sehe, diese eigentlich nur zur Straffung der radikalen Szene führe, so sieht man doch die dringende Notwendigkeit, neue Handlungsräume für die neofaschistische Aktion zu suchen. Einem direkten Abtauchen in den bestehenden neofaschistischen Parteien REP, DVU oder NPD stehen diese militanten Neonazis eher kritisch gegenüber. Man wirft den "nationalen Alt-Parteien" Versagen vor und bezweifelt, dass sie "zum Sammelbecken aller Aktivisten" werden könnten. Dass in dieser Frage nicht in allen Gruppen Konsens herrscht, zeigte sich im Zusammenhang mit der Selbstauflösung des Vereins "Die Nationalen" um Frank Schwerdt. Schwerdt selber begab sich - nach Meldungen der Berlin-Brandenburgischen-Zeitung - unter das Dach der - besonders in den neuen Bundesländern reaktivierten - NPD und begann mit dem Aufbau eines eigenständigen NPD-Landesverbandes in Brandenburg. Andere ehemalige Mitglieder der "Nationalen" versuchten dagegen das Konzept der "Kameradschaften" umzusetzen. Ein neues Organisationskonzept Ende März trat Thomas Wulff nach eigenen Angaben vor 100 Aktivisten in NRW auf, um die Erfahrungen der "Freien Kameradschaften" als Organisationsmodell zu propagieren, da man in Norddeutschland damit gute Erfahrungen gesammelt habe. Auch versuchte Wulff auf dieser Veranstaltung den anderen Neonazis das neue Symbol der "Bewegung" nahezubringen. Man einigte sich darauf, "gemeinsam unter dem Zeichen der schwarzen Fahne" zu agieren. Pathetisch erklärte Wulff, diese Farbe sei "das Symbol der Not in unserem Reich". Das stelle jedoch kein Abschied von der Nazisymbolik dar, wurde beruhigend erklärt: "Unser gemeinsames heiliges Symbol, für das wir kämpfen, wird erst wieder auf unseren Fahnen prangen, wenn wir dieses System vernichtet haben." Wahrscheinlich waren sie es jedoch nur leid, eins ums andere Mal wegen Verwendung des Hakenkreuzes verurteilt zu werden. "Parteiübergreifender Zusammenhalt"? Und so war Frank Schwerdts Warnung nach der Auflösung der "Nationalen", die "Freien Kameradschaften" dürften sich "durch die staatlichen Repressionen nicht in die Hinterzimmer verdrängen lassen", eigentlich überflüssig. Den militanten Kadern war klar, dass sie nur dann Anhänger gewinnen können, wenn sie nach außen gerichtete Aktivitäten starten würden. Dabei hängten sie sich an so gut wie alle genehmigten Aufmärsche anderer neofaschistischer Organisationen, selbst reaktionärer Bürgerinitiativen (z.B. am 9. Juli in Hamburg-Tonndorf), an. Konzeptionell wurde dies damit begründet, dass "Freie Nationalisten überall auch weiterhin die Veranstaltungen (nutzen würden), welche von den bestehenden nationalen Strukturen und Parteien angeboten werden." Das führt zu einem neofaschistischen Demonstrationstourismus, der wirklich den ganzen deutschen Mann fordert. So sah man die Aktivisten der verschiedenen Kameradschaften in diesem Jahr u.a. am 7. Februar in Passau beim NPD-Bundeswahlkongress, der zum "Tag des Nationalen Widerstandes" deklariert wurde, ebenso, wie bei der 1.Mai-Kundgebung der NPD am Leipziger Völkerschlachtsdenkmal. Aber auch bei der REP-Demonstration und Kundgebung gegen die Wehrmachtsausstellung am 6. Juni in Kassel waren sie deutlich sichtbar vertreten. In Leipzig hatte es im Vorfeld der Demo noch offene Rivalitäten gegeben. Die "Freien Nationalisten" erhoben - vergeblich - Anspruch auf zwei Redner bei der Kundgebung und versuchten nach der Ablehnung ihrer Forderung während der "langweiligen Kundgebung der NPD" einen eigenen Demonstrationsmarsch auf die Beine zu stellen. In Kassel hingegen verständigten sie sich mit den Jungen REPs über die "Schlachtordnung", wie das Foto von Andreas Lehmann (Junge REPs Hessen), Torsten Heise und Friedhelm Busse in trauter Eintracht vor Beginn der Demonstration zeigt. Die etwa 80 REPs marschierten vorneweg, anschließend folgten Mitglieder vom "Nationalen Widerstand Hessen", "Freie Nationalisten" (NRW) und vom "Nationalen und Sozialen Aktionsbündnis Norddeutschlands", wobei Thomas Wulff (Hamburg) schon mal als Transparent-Träger bei den REPs aushalf. Zum Dank durfte er, einer der Repräsentanten des norddeutschen "Aktionsbündnisses", eine kurze Rede halten. Dass der stellvertretende Bundesvorsitzende der REPs, Christian Käs, die "Mitstreiter der freien Kameradschaften" ausdrücklich auf dieser Kundgebung begrüßte, macht deutlich, dass von einer - oft behaupteten - Abgrenzung zwischen diesen Fraktionen im Neofaschismus keine Rede sein kann. Angesichts solch "parteiübergreifenden Zusammenhalts fragten daraufhin die "Freien Kameradschaften" hoffnungsfroh: "Findet nun auch bei den Republikanern ein positives Umdenken statt?" Wo es solch Aufmarschmöglichkeiten nicht gab, täuschte man auch schon mal einen legalen Anmelder vor, wie in Lüneburg. Unter dem Deckmantel und Namen einer tatsächlich existierenden Erwerbsloseninitiative angemeldet demonstrierten die Kameradschaften am 13. Juni knapp zwei Stunden durch die Stadt, bevor der Aufmarsch endlich aufgelöst wurde. Hauptakteure waren auch hier Christian Worch und Thomas Wulff. Durch solche "Erfolge" angestachelt meldeten die "Freien Kameradschaften" für den 4. Juli in Heidelberg eine eigene Demonstration zum 100. Todestag von Bismarck an. Diesmal vermochte es breiter antifaschistischer Widerstand, auch die Stadtverwaltung und Gerichte von einem notwendigen Verbot der Veranstaltung zu überzeugen. Bitter beklagten sich daraufhin die Neonazis über diesen undemokratischen Staat, der eine "Gesinnungsdiktatur" ausübe. Im Internet präsent Trotz aller auch propagandistisch überhöhten Erfolgsmeldungen konstatierte ein Vertreter der "Freien Nationalisten" im Frühjahr 1998 die Perspektive noch skeptisch: "Die Entwicklung hin zu einer umfassenden Bewegung der Nationalen Opposition wäre wünschenswert, ist jetzt aber noch überhaupt nicht abzusehen." Und so sind diese Organisationsansätze nicht Ausdruck von Stärke oder Flexibilität, sondern eher einer Suchbewegung, die auch auf die fehlende Massenverankerung militant neofaschistischer Projekte verweist. Im Rahmen der Eigendarstellung kann man natürlich alle Erscheinungsformen, wie "national befreite Zonen" bis hin zu den verschiedenen "Kameradschaften" als Teil des großen "Netzwerkes" bezeichnen, eine gemeinsame "Bewegung" wird daraus noch lange nicht. Einen Vorteil für die Zusammenarbeit im neofaschistischen Spektrum bieten allerdings diese Netzwerke. Die typischen Rivalitäten zwischen den selbsternannten Führern, die in früheren Zeiten zu erheblichen innerorganisatorischen Reibungsverlusten geführt haben, können damit zeitweilig suspendiert werden, indem eine formale Gleichberechtigung aller Gruppierungen verkündet wird. Ein solches Konzept setzt aber langfristig voraus, dass alle neonazistischen Obergurus auf Dauer ihren Führungsanspruch zurückstellen zu Gunsten einer gemeinsamen "Bewegung". Dies wird - da kann man sich sicher sein - nicht von Dauer sein. |
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